Leticia Gonzalez, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Leticia Gonzalez ist seit 2007 Professorin für theoretische Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bei einem Interview verschaffte uns die gebürtige Spanierin einen Einblick in Ihren spannenden und abwechslungsreichen Alltag.

Was waren die wichtigsten Stationen in Ihrem bisherigen Werdegang?

Meine Schulausbildung und mein Studium habe ich in der Hauptstadt Spaniens, in Madrid absolviert. Nach meiner Promotion kam ich zur Habilitation nach Berlin.

Wann haben Sie das Interesse für Ihr Studienfach entdeckt?

Gegen Ende der Schulzeit wurde meine Begeisterung für Chemie durch meine Lehrerin geweckt. Sie war sehr gut darin, uns die hinter der Naturwissenschaft liegende Logik begreiflich zu machen. Da ich mehr darüber erfahren wollte, entschied ich mich, Chemie zu studieren.

Welche Voraussetzungen sollte man für das Studium mitbringen?

Motivation und Durchhaltevermögen sind die wichtigsten Voraussetzungen für das Studium. Ebenso sollte man allgemein ein gutes mathematisch-naturwissenschaftliches Verständnis sowie ein gewisses Interesse auch an Mathematik und Physik mitbringen.

Warum haben Sie sich für ein Studium in Thüringen entschieden? Was macht die FSU Jena für Sie besonders?

Die FSU Jena ist eine mittelgroße Universität mit langer Tradition, der man gerne angehört. Jena ist eine typische Universitätsstadt und durch die Überschaubarkeit erlebt man die Universität überall in der Stadt. Leben und Arbeiten an der Universität sind deshalb miteinander verwoben. Alles ist mehr oder weniger in Fußnähe, was viele Vorteile bietet. Auch prägt das studentische Leben die gesamte Stadt.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Studium? Was hat Ihnen daran besonders gefallen?

Studiert habe ich an der Universität Autónoma in Madrid, einer im Vergleich zur FSU Jena sehr großen Universität. Einige meiner besten Freundschaften sind im Verlauf des Studiums entstanden. Manche dieser Freunde sind ebenfalls weiterhin in der Wissenschaft tätig und oft treffen wir uns z.B. auf Konferenzen wieder und erfreuen uns dabei an den Privilegien, die man als Wissenschaftler und Hochschullehrer hat. Es ist ein bisschen wie eine Fortsetzung des Studentenlebens, nur mit der zusätzlichen Verantwortung, anderen Studierenden die Freude an der Chemie und der Forschung vermitteln zu müssen.

An der Universität in Madrid habe ich auch das Glück gehabt, meinen späteren Doktorvater kennen zu lernen, welcher zu einem meiner großen Vorbilder wurde, und zwar sowohl als Wissenschaftler als auch als Mensch.

Wie hoch war der Frauenanteil in Ihrem Studium?

Zu Beginn des Studiums studierten etwa die gleiche Anzahl an Männern und Frauen. Der Frauenanteil verringerte sich allerdings stark während der Promotionsphase und in den darauf folgenden Phasen war er verschwindend gering.

Worüber haben Sie promoviert? Was ist Ihr Spezialgebiet?

Ich habe in Theoretischer Chemie promoviert. In diesem Gebiet arbeiten wir nicht mit Chemikalien und Reagenzgläsern, sondern nur mit Computern und Programmen. Ich war, und bin immer noch, daran interessiert, die detaillierten Gesetze zu verstehen, nach denen die Atome in chemischen Verbindungen zusammengehalten werden. Während meiner Doktorarbeit habe ich Moleküle untersucht, welche durch schwache Bindungen komplexe Systeme ausbilden, wie zum Beispiel Wasser. Mit Hilfe der fundamentalen Gesetze der Quantenmechanik können wir die Struktur, die Energien sowie andere Eigenschaften bestimmen. Heute berechnen wir auch, wie sich solche Systeme im Laufe der Zeit entwickeln, nachdem sie zum Beispiel mit Licht bestrahlt wurden.

Wie haben Sie den Einstieg ins Berufsleben empfunden?

Der Einstieg in die akademische Welt ist für alle schwierig, da nur wenige feste Stellen zur Verfügung stehen. Ich hatte großes Glück, bald nach meiner Habilitation eine Professur an der FSU Jena bekommen zu haben.

Welche Aufgaben haben Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena genau? Wie kann man sich Ihren Berufsalltag vorstellen?

Als Professorin ist die Zeit zwischen Forschung und Lehre aufgeteilt. Ich muss meine Lehrveranstaltungen und alles was dazugehört vorbereiten. Einige Stunden pro Woche halte ich dann direkt Vorlesungen vor Studenten. Den Rest meiner Zeit verbringe ich mit Forschung in meiner Arbeitsgruppe. Mein Team besteht zurzeit aus 7 Doktoranden und einigen Postdoktoranden sowie einer wechselnden Zahl an Diplomanden und Praktikanten. Manchmal kommen noch einige Gastwissenschaftler aus aller Welt hinzu. Es ist, wie ein kleines Unternehmen zu leiten und der Geschäftsführer zu sein. Man muss Geld  für die Forschung beschaffen und dazu bei verschiedenen Organisationen Anträge stellen. Dann müssen die Mitarbeiter angeleitet und deren Arbeit überprüft werden, Publikationen müssen geschrieben und regelmäßige Berichte verfasst werden. All diese Tätigkeiten führen zu einem abwechslungsreichen Arbeitstag, an dem man die verschiedensten Probleme lösen muss, sowohl wissenschaftlicher als auch strategischer Art. Außerdem reisen sowohl ich als auch die Mitarbeiter meiner Arbeitsgruppe um die ganze Welt, um unsere Ergebnisse auf Konferenzen und Symposien zu präsentieren und mit anderen Wissenschaftlern zu diskutieren. Dadurch wird unsere Forschung in aller Welt bekannt gemacht und es werden Netzwerke für weitere Forschungsvorhaben geknüpft, was sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus politischer Sicht sehr wichtig ist.

Warum sollten sich Ihrer Meinung nach mehr junge Frauen für ein chemisches Studium entscheiden?

Chemie macht nicht nur Spaß, Chemie ist auch sehr vielfältig und abwechslungsreich. Nachdenken über Chemie enthüllt alltägliche Tatsachen, denn Chemie umfasst alle Bereiche des menschlichen Lebens, und die Beschäftigung mit der Chemie lässt uns unsere moderne Welt verstehen und vielleicht auch verbessern. Heutzutage gibt es vielfältigste Möglichkeiten für Frauen mit Talent, Ehrgeiz und Kreativität in der Welt der Chemie.

Wie lassen sich Familie und Beruf vereinbaren?

Mit Hilfe der Unterstützung meines Lebensgefährten und durch ein bisschen Organisations- sowie Improvisationstalent. Als Wissenschaftler und Hochschullehrer hat man einige Freiheiten, aber gerade deswegen muss man aufpassen, nicht alle freie Zeit durch den Beruf absorbieren zu lassen.

Als Ausgleich zu meinem Arbeitsalltag verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie und spiele am liebsten mit meiner kleinen Tochter.

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